Wie/wo kann man in alten Zeitungen forschen?

Das Semesterende naht, was sich auch an der aktuell mangelnden Anzahl an Blogeinträgen meinerseits bemerkbar macht. Eine Frage, die mir schon öfters gestellt wurde und die mich als Publizistik- und Geschichtestudent jedes Semester(ende) aufs Neue beschäftigt: Wie und wo kann man eigentlich in alten Zeitungen nachlesen und forschen?

Erste Problematik: Bei einigen Studierenden scheitert es schon daran, Google zu bedienen. Gerade bei meinen beiden Studienrichtungen sehr traurig, aber wahr.

Wer sich aber wie ich ernsthaft in Form von qualitativen oder quantitativen Inhaltsanalysen bzw. Diskursanalysen mit älteren Tageszeitungen auseinandersetzen möchte, der hat einige Möglichkeiten dazu. Ich forsche derzeit beispielsweise für eine Geschichte-Proseminararbeit nach Artikeln im Rahmen der Berichterstattung zu den Terroranschlägen bei den Olympischen Sommerspielen von München 1972 und untersuche dabei, wie Teilnehmerstaaten der Arabischen Liga in der österreichischen Presse konnotiert wurden. Auch für das Forza Rapid-Magazin stöbere ich regelmäßig on- und offline in Zeitungsarchiven.

Gleich vorweg: Eine Onlinerecherche via Volltextsuche ist in den Jahren ab 1945 nur in sehr einzelnen Fällen möglich, wenngleich das die Arbeit natürlich erleichtern würde. Dennoch gibt es einige Möglichkeiten dazu, auch online zu forschen. Folgend ein Auszug von Archiven, mit denen ich persönliche Erfahrungen gesammelt habe.

 

ONLINE-RECHERCHEVARIANTEN

 

Anno – AustriaN Newspapers Online

Der Klassiker unter den Online-Zeitungsarchiven. Anno ist ein Projekt der Österreichischen Nationalbibliothek zur Digitalisierung alter Tageszeitungen und reicht von 1568 bis 1945 zurück. Inzwischen hat man es noch einfacher als zu meinen Beginnzeiten an der Universität: Eine exzellent funktionierende Volltextsuche durchforstet die PDF-Dateien nach dem gewünschten Suchbegriff! Mit Stand 25.11.2015 waren ganzen 15,5 Millionen Seiten online, eine schier unglaubliche Menge an Zeitungsmaterial. Die Verwendung von Anno ist kostenlos und benötigt auch keine Registrierung. Besonders für die Zeit vor 1945 gibt es keine bessere Wahl als Anno. Hinweis: Es kommt jedes Jahr ein neues Jahr hinzu, da nach 70 Jahren das Urheberrecht erlischt. Im Jahr 2017 kommt also das Jahr 1946 hinzu, 2018 das Jahr 1947, usw.

 

Arbeiter-Zeitung

Die Arbeiter-Zeitung, das ehemalige Parteiorgan der SPÖ, wurde im Jahr 1991 eingestellt. In den ersten Nachkriegsjahren war sie gar das auflagenstärkste Blatt des Landes, ehe sie zuerst vom Kurier und ab 1970 von der Kronen Zeitung abgelöst wurde. Bereits seit 2004 ist auf der Seite der Arbeiter-Zeitung jede Ausgabe von 1945 bis 31.03.1989 kostenlos abrufbar. Die Arbeiter-Zeitung hatte ebenso wie die restliche österreichische Parteipresse das Problem, dass die österreichische Bevölkerung besonders nach 1968 vermehrt unabhängige Berichterstattung lesen wollte, auch inseratentechnisch hatten es Periodika wie die Arbeiter-Zeitung immer schwerer. So folgte 1985 unter Fred Sinowatz als Neue AZ ein Relaunch samt Formatänderung. 1989 wurde die Neue AZ von einem Konsortium rund um Hans Schmid aufgekauft, fortan wurde der Ton gegenüber der SPÖ rauer. Trotz eines letzten Aufschwungs 1990 konnte man nicht mehr mithalten und musste auch aufgrund einer 120-prozentigen Erhöhung des Druckpreises im Oktober 1991 das Blatt einstellen.

25 Millionen Aufrufe seit 2004 beweisen, dass sehr gerne in der AZ nachgelesen wird. Sei es einfach nur, um die Berichterstattung in der Zweiten Republik durchzublättern oder um ein Parteiblatt zu Zeiten einer SPÖ-Alleinregierung zu lesen – auch ohne Volltextsuchfunktion lohnt sich (mindestens) ein Blick definitiv.

BF Archiv

 

APA-De Facto

Die wohl größte Online-Datenbank, die auf aktuelle österreichische Zeitungen bis in das Jahr 1990 online zurückgreifen lässt. Im Gegensatz zu den beiden zuvor genannten ist APA De-Facto jedoch nicht kostenlos, bei einer Registrierung gibt es allerdings 10 Euro kostenloses Guthaben. Für Studierende der Universität Wien lassen sich via UniVPN alle Daten kostenlos über die APA Online-Manager Library, vormals APA De-Facto Campus, abrufen (Link zur Datenbankliste für Uni Wien-Studierende). Über diese kann man bis September 1990 rücklaufend kostenlos Zeitungsartikel nachrecherchieren, ebenso – wie bei APA De-Facto – APA-Meldungen bis in das Jahr 1955. Auch beinhaltet APA De-Facto Abschriften zu TV-Sendungen zurückgehend bin das Jahr 2003. Einige internationale Zeitungen können via APA-Datenbank ebenso abgerufen werden, eine Liste findet sich hier.

 

WISO-Datenbank

Die WISO-Datenbank ist eine Datenbank für Hochschulen. Auch hier können Studierende der Universität Wien mittels VPN-Zugang Zeitungen abrufen, der Schwerpunkt liegt auf Deutschland. WISO verfügt über eine Suchfunktion und kann in Österreich von Studierenden der FH Wiener Neustadt, Universität Wien und der WU kostenlos zur Recherche genutzt werden. Für die Allgemeinheit ist diese Datenbank nicht zugänglich.

 

Kurier

Der Kurier bietet im Rahmen seines EPaper-Abos eine Online-Recherche rückgehend bis 1992 an. Leider ist die Datenbank nach wie vor sehr fehlerhaft, wenn man jedoch geduldig ist und über fehlerhafte Seiten und die nicht mögliche Eingrenzung von Ressorts – trotz Angabe dieser – hinwegsieht, kann man hier sehr gut nach Berichten aus den letzten 24 Jahren recherchieren. Allem Anschein nach dürfte das Archiv hausintern eher eines der letzten Probleme sein, auf meine mit Screenshots bebilderte Kritik bzgl. der fehlerhaften Suchfunktion wurde bis dato nicht reagiert. Dennoch lohnt sich ein Blick und nach etwas Zeit lässt sich auch die gewünschte Information finden. Die Informationen der letzten 7 Tage sind jeweils auch für Nicht-Kunden zugänglich.

 

Heute

Die Gratis-Tageszeitung Heute kann bis zu einen Monat rückwirkend online in PDF-Form abgerufen wurden.

 

OFFLINE-RECHERCHEVARIANTEN

 

Österreichische Nationalbibliothek

Mit einer Jahreskarte der Österreichischen Nationalbibliothek (10 Euro für Studierende) ist man auf der absolut sicheren Seite. Nahezu alle Tageszeitungen sind hier vorhanden, jedoch muss man darauf achten, ob die Zeitungen wirklich gebunden in Jahresbänden in Printform oder in Form von Mikrofilmen vorhanden sind. Sofern diese in Print vorhanden sind, müssen die Werke online vorbestellt werden (in etwa 1 Tag Vorlaufzeit). Auf Mikrofilm hingegen genügt es, wenn man vor Ort den Mikrofilm bestellt – er wird sofort ausgehändigt, inclusive Einführung des freundlichen Personals in die Welt der Mikrofilmrecherche . Vorsicht: Die Mikrofilmrecherche ist eine echte Zeitreise. Man versinkt schnell einmal stundenlang vor den schwarz-weißen Bildschirmen, durch das Vor- und Zurückspulen kann man jedoch rasch Augen- und Kopfschmerzen bekommen. Da sich die Mikrofilmstelle im hintersten Eck der Nationalbibliothek befindet, hat man entsprechend dem Jahrgang der meisten Zeitungen auch keinen Handyempfang 😉 Ein Ausdruck ist möglich (0,20 pro Kopie) , jedoch sind Bilder kaum sichtbar, da es sich um Schwarz-Weiß-Negative handelt. Wer diese nicht benötigt, kann sich hier aber stundenlang einlesen und schnell einmal die Zeit vergessen. Kopien der Printversionen sind mit einer eigenen Kopierkarte im Haus möglich, eine Leihe ist nicht möglich.

 

Wienbibliothek im Rathaus

Eine zweite Variante, Zeitungen zu erforschen, ist die Wien-Bibliothek im Rathaus. Leider bin ich bis dato noch nicht dazu gekommen, jedoch dürfte auch hier ein großes Areal an Zeitungen vorhanden sein.

 

Weitere Recherchemöglichkeiten bestehen wohl bei den Medienhäusern selbst auf Anfrage, allerdings habe ich bis dato die Nationalbibliothek bevorzugt.

 

Sollte jemand weitere sinnvolle Tipps zur Zeitungsrecherche haben, so ergänze ich diese hier sehr gerne.

 

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